craftingfan
25.01.2011, 18:38
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[goto=0:19sngt46]Kapitel 0 - Erwachen[/goto:19sngt46][/*:m:19sngt46]
[goto=1:19sngt46]Kapitel 1 - Zwielicht[/goto:19sngt46][/*:m:19sngt46]
[goto=2:19sngt46]Kapitel 2 - Die erste Nacht[/goto:19sngt46][/*:m:19sngt46]
[goto=3:19sngt46]Kapitel 3 - Flucht[/goto:19sngt46][/*:m:19sngt46]
Kapitel [anchor=0:19sngt46]0[/anchor:19sngt46] - "Erwachen"
Wo war sie? Und wie kam sie hierher? Das Letzte, woran sie sich erinnerte, war das Auffangen eines glänzenden, schwarzen Steins, der ihr von einem Raritätenhändler zugeworfen worden war. Im nächsten Augenblick hatte sich die Welt um sie herum völlig verändert. Zuerst hielt sie es für eine magische Täuschung, doch als sie sich einmal im Kreis drehte, glaubte sie, den Verstand zu verlieren.
Ganz ruhig, atme langsam und tief … ein und aus.
Das tat sie, doch es änderte nichts an der Tatsache, dass die Stadt, in der sie sich eben noch befand, verschwunden war. Es war nichts mehr um sie herum, was sie kannte, ihre Blicke streiften nur noch unberührte Natur. Und dann kam die Panik. Auf dem sandigen Untergrund fiel sie auf die Knie und schlug die Hände vor das in Tränen getauchte Gesicht.
Was ist geschehen? Wo bin ich?
Als sie nach einiger Zeit die Augen wieder öffnete, bemerkte sie etwas, das in den ersten Momenten nur von ihrem Unterbewusstsein wahrgenommen worden war. Sie war alleine. Sich ein weiteres Mal auf der Stelle drehend konnte sie niemanden entdecken.
"Hallo? … Ist da jemand?? … Hallo???"
Ihre Stimme hallte über das Land, bahnte sich den Weg über schneebedeckte Berge und durch sandige Wüsten, bis sie sich endlich in dicht bewachsenen Wäldern brach. Doch es blieb still. Lauschend und auf eine Antwort hoffend blieb sie ein paar Wimpernschläge lang reglos stehen. Niemand antwortete ihr. Und seltsamerweise hörte sie auch kein Vogelgezwitscher oder wenigstens das Schlagen von Flügeln in der Luft. Die einzigen Geräusche waren das Rauschen des Wassers, welches sie umgab, und das Rascheln der sich im Wind wiegenden Blätter in den Bäumen, die sich auf dem Hügel vor ihr auftaten. Mit einem Mal kehrte die Entschlossenheit und mit ihr der Glanz in den Augen zurück.
Ich kann nichts an der jetzigen Situation ändern, also schaue ich mich am besten erst einmal um.
Als sie den Dolch aus ihrem Gürtel ziehen wollte, wanderte ihr Blick erstaunt an ihrem Körper nach unten. Erleichtert stellte sie nebenbei fest, dass sie nicht verletzt war. Das Halstuch, der Wams, ihre Hose sowie die Stiefel waren noch da, aber die wichtigsten Dinge fehlten.
Verdammt! Wo ist meine Ausrüstung?
Ihre Hände wanderten tastend zur Taille, doch so sehr sie auch nachfühlte, weil sie ihren Augen ein weiteres Mal nicht traute, es war nichts mehr da; weder der Beutel mit Gold noch das kleine Täschchen mit Proviant waren dort, wo sie sein sollten. Ganz zu schweigen von dem gesuchten Dolch und dem Kurzschwert, ohne das sie bei Gefahr völlig wehrlos war. Unsicher schaute sie sich um. Aber nichts, was auf ein Lebewesen gewiesen hätte, streifte ihren Blick.
Im Moment scheine ich nicht in Gefahr zu sein, also sollte ich die Chance nutzen, um mir ein sicheres Versteck für die Nacht zu suchen.
Sie schaute zum Himmel und stellte fest, dass die Sonne die Mittagsstunde noch nicht erreicht hatte. Aber da sie nicht wusste, wo sie sich befand und was ihr noch alles widerfahren würde, machte sie, ohne sich noch einmal umzusehen, den ersten Schritt in Richtung des bewaldeten Hügels.
Kapitel [anchor=1:19sngt46]1[/anchor:19sngt46] - "Zwielicht"
Der Hügel bot ihr trotz zahlreicher Bäume die Gelegenheit, etwas mehr von der um sie herum fließenden Landschaft wahrzunehmen, da sie an vielen der Stämme und nicht allzu dichten Kronen vorbeischauen konnte. Instinktiv hielt sie Ausschau nach dem höchsten Punkt, nahm aus den Augenwinkeln aber auch für sie wichtige Einzelheiten wahr. So wuchsen nicht weit von ihr rote und gelbe Blumen und unter manchem Baum auch der ein oder andere Pilz.
Wenigstens ein erstes Zeichen von Vegetation …
Sie seufzte. Zur ihrer Linken erhob sich etwas, das man schon als Berg bezeichnen konnte, auch wenn er keinen Schatten zu werfen schien. Auf der rechten Seite erkannte sie einen etwas kleineren Berg, der sich allerdings deutlich weniger ihrer Aufmerksamkeit gewiss sein konnte. Vor sich ebnete sich das Land und bildete eine Mischung aus mit Gras bewachsenen Hügeln, gepaart mit dem weißen Sand, auf dem sie vorhin gekniet hatte. Nach einer kurzen Überlegung führte sie ihr Weg in Richtung des Berges, welcher ihr auf Anhieb hoch genug vorgekommen war. Nach einigen Metern verdichtete sich das Unterholz und wurde undurchdringlicher. Um sich nicht zu verausgaben, umging sie das Dickicht und versuchte, den Berg nicht aus dem Blick zu verlieren. Plötzlich verlor sie den Boden unter dem linken Fuß und wäre um ein Haar in eine Art Erdloch gefallen, doch ihre blitzschnelle Reaktion rettete sie vor dem Sturz auf die offen liegenden Felsen. Bäuchlings landete sie an der Kante, rappelte sich aber sofort wieder auf. Immer noch etwas erschrocken wanderte ihr Blick in den unter ihr befindlichen Eingang. Grauer Fels zierte die Wände, die sich schon nach ein paar Metern in tiefster Dunkelheit verloren. Kühle, nach Gestein riechende Luft wehte ihr entgegen und ließ sie frösteln.
Nun hab’ Dich nicht so, Angst war noch nie ein guter Begleiter gewesen.
Mit steifen Schritten wagte sie sich nach unten an den eigentlichen Eingang der Höhle. Nur zwei Fuß trennten sie von der Grasfläche über ihr und doch kam es ihr unendlich weit vor. Ihre Augen versuchten regelrecht, die vor ihr liegende Finsternis zu durchbohren, doch es gelang nicht. Und irgendetwas sagte ihr, dass es besser war, den Berg für ein nächtliches Versteck diesem Loch vorzuziehen. Kaum war dieser Eindruck verflogen, glaubte sie, ein Geräusch gehört zu haben. Ganz kurz das leise Zischen den Weg an ihre Ohren, die seit ihrer Geburt an schon sehr empfindlich waren. Dann war es wieder still. Sie lauschte. Nichts. Und doch hätte sie schwören können, dass sie etwas gehört hatte. Plötzlich richteten sich ihre Nackenhärchen auf und ehe sie sich ihrer Bewegung bewusst wurde, war sie bereits aus der Öffnung herausgesprungen. So schnell sie konnte rannte sie dem Berg entgegen, der sie mit offenen Armen zu empfangen schien. Kaum hatte sie den Fuß des Riesen erreicht, machte sie sich an den Aufstieg, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzudrehen. Hier kamen ihr der schlanke Körperbau und die Geschicklichkeit zugute, auch wenn es den Anschein hatte, als würde die Zeit vor ihr flüchten. Das Klettern kam ihr wie eine kleine Ewigkeit vor, die so abrupt endete, dass sie fast ins Leere gegriffen hätte. Mit einem letzten Ruck zog sie sich über die Kante und richtete sich auf. Die Wolken zogen gemächlich nur knapp über ihrem Kopf hinweg in Richtung Horizont.
Was für ein Ausblick, fantastisch!
Sie drehte sich mehrmals im Kreis und versuchte sich alles genau einzuprägen. Das Plateau, auf dem sie stand, war groß genug, um gleich mehrere Herrenhäuser darauf errichten zu können. Doch soweit wollte sie gar nicht denken, denn viel wichtiger war der geplante Unterschlupf. Sie schaute sich um und entdeckte in der Mitte des Plateaus eine Senke, an deren Rand einige Bäume standen. Deren Kronen ragten bis über die Wolkendecke hinaus und spendeten viel Schatten. Bedauerlicherweise konnte sie nichts anderes als die Baumstämme entdecken, woraus sich ein einigermaßen guter Schutz hätte bauen lassen. Enttäuscht schlug sie mit der Faust gegen den mit brauner Rinde überzogenen Stamm neben ihr.
Was ist das? … Das Holz scheint sehr weich zu sein. Vielleicht lässt es sich doch leichter brechen, als ich dachte.
Die ersten Handgriffe wirkten selbst für ihre Geschicklichkeit äußert unbeholfen und steif, aber dann bekam sie allmählich ein Gefühl für die Schwachstellen des Baums. Und ehe sie sich versah, hatte sie den kompletten Baumstamm in einigermaßen gleichgroße Stücke zerlegt. Aus Neugierde zog sie von einem der Stücke die Rinde ab und wunderte sich über die Schicht Unterholz, die zum Vorschein kam.
"Hey!"
Sie erschrak vor ihrem erfreuten Ausruf.
Das kann ich weitaus besser gebrauchen als die Stücke mit Rinde.
Voller Eifer entfernte sie die Rinde. Nach getaner Arbeit wollte sie sich daran machen, die Unterholzblöcke zu stapeln, doch sie zuckte zurück. Die einzelnen Blöcke teilten sich. Sie rieb sich über die Augen, doch das änderte nichts daran, dass aus jedem der hölzernen Würfel drei weitere entstanden, sich regelrecht abkapselten und selbständig formten.
Wie kann das sein?
Minuten lang stand sie wie versteinert vor dem Haufen als Holz, der sich gebildet hatte und war wie paralysiert. Doch je mehr sie versuchte, das Gesehene zu verstehen, umso mehr glaubte sie, den Verstand zu verlieren. Schließlich machte sie dort weiter, wo sie aufgehört hatte, stapelte die Unterholzblöcke jeweils gepaart übereinander und trat einen Schritt zurück, um ihr Werk genauer zu begutachten. Beim näheren Hinsehen fiel ihr die seltsame Maserung auf. Als sie mit dem Finger darüber strich, erkannte sie drei hauchdünne Risse, nicht breiter als ein Haar, die sich von oben nach unten durch beide Blöcke zogen. Fragend schauend legte sie den Kopf schräg und versuchte ihr Glück. Mit aller Kraft gelang es ihr, entlang des Risses ein schmales Stück des oberen Blocks abzubrechen … dachte sie. Als sie das Ergebnis ihrer Anstrengung musterte, stellte sie erstaunt fest, dass der entstandene Stab genau so hoch war wie beide Blöcke übereinander. Irritiert schaute sie sich den Rand des unteren Blocks an. Und tatsächlich fehlte auch hier der Streifen entlang des Haarrisses.
Das ist erstaunlich. Beide Teile scheinen sich miteinander verbunden zu haben, als ich das obere Stück abgebrochen habe, gerade so, als wären sie miteinander auf magische Weise verschmolzen. Auf jeden Fall könnten sich diese Stäbe noch als nützlich erweisen.
Um sich eine kurze Pause zu gönnen, näherte sie sich noch einmal der Senke, an deren Rand sie den Baum gefällt hatte, und ließ den Blick schweifen. Die Sonne hatte längst die höchste Stelle hinter sich gelassen und die Luft war ein wenig kühler geworden.
Ich muss mich sputen, wenn ich die Nacht nicht im Freien verbringen will.
Dann wurde sie einem schwarzen Schimmern gewahr, das von der anderen Seite der Senke aus dem offen liegenden Gestein zu kommen schien. Im ersten Moment glaubte sie, es handele sich um das gleiche Schimmern des von ihr gefangenen Steins, der ihr der Händler zugeworfen hatte. Aber ihre scharfen Augen belehrten sie eines Besseren. Der Schimmer war trüb, nicht glänzend, mit einem Stich ins Dunkelgraue. Das wollte sie sich aus der Nähe ansehen. Wenige Augenblicke später kniete sie vor den beiden Gesteinsbrocken, die ihre Aufmerksamkeit geweckt hatten. Sie strich ungläubig mit den Fingerspitzen darüber. Die schwarze Spur auf der Haut ließ sie alle Zweifel vergessen.
Kohle! Es ist wahrhaftig Kohle! … Aber wie soll ich an die Stücke herankommen?
Mit bloßen Händen war das nicht zu schaffen, das wusste sie. Sie schaute zurück zu den herstellten Holzblöcken.
Ich müsste etwas haben, auf dem ich werken kann; eine Art größere Oberfläche.
Und dann kam ihr eine Idee. Mit schnellen Schritten lief sie zurück und arrangierte neun Blöcke zu einem Würfel. Als sie den letzen Handgriff getan hatte, verbanden sich die Elemente vor ihren staunenden Augen und bildeten eine Art Werkbank, wie sie sie aus den Schreinereien der Stadt kannte, in der sie sich noch vor wenigen Stunden befunden hatte.
Das ist unglaublich, hier muss Magie im Spiel sein. Anders kann ich mir das nicht erklären.
Sie berührte den Block, nur um sicher zu sein, dass es sich nicht um ein Trugbild handelte. Er war echt. Sofort machte sie sich daran, ihre Idee einer hölzernen Spitzhacke umzusetzen. Es gelang zwar nicht beim ersten Versuch, doch der zweite glückte. Und auch dieses Mal konnte sie beobachten, wie sich die benutzten Dinge wie bei einer Symbiose zu einem stabilen Werkzeug zusammensetzten. Immer noch ein wenig ungläubig dreinblickend kam sie kurz darauf mit einigen Kohlenstücken in den Taschen zurück und schaute nach oben. Die Sonne hatte den Himmel längst in ein tiefes Rot gefärbt und die Nacht schien bereits ihre Arme über diese Welt legen zu wollen.
Ich kann nicht mehr, aber es hilft nichts. Und aufgeben werde ich nicht!
Es war nicht leicht gewesen, die schwarzen Klumpen aus dem massiven Gestein zu befreien, auch wenn die hölzerne Spitzhacke nicht sonderlich schwer war. Aber sie hatte noch nie in ihrem Leben körperlich so schwer arbeiten müssen. In gewisser Weise erfüllte sie das Geschaffte innerlich aber mit Stolz, einem Gefühl, welches ihr eigentlich fremd war, trotz ihrer Herkunft. Mit letzter Kraft arrangierte sie das Holz auf der höchsten, ebenen Fläche so, dass diese ein Viereck von jeweils vier Blöcken bildeten. Die stützenden Pfeiler für die noch fehlende Decke machten ihr die größten Probleme, weil sie die Blöcke zu diesem Zweck hochheben und genauestens absetzen musste. Die Platzierung des letzten Pfeilers läutete dann endlich die Nacht ein, vor der sie sich den ganzen Tag schon gefürchtet hatte. Ihr Körper versagte eigentlich jeglichen Dienst, doch sie unterdrückte die Schmerzen und vollendete unter größter Anstrengung schließlich das Dach. Auf wackligen Beinen stolperte sie in die notdürftige Behausung und schob von innen einen letzten Holzblock in die Öffnung, durch die sie eingetreten war. Nun war sie eingeschlossen, aber das war ihr weitaus lieber, als von nächtlichen Schatten gefressen zu werden. Rücklings ließ sie sich an der Werkbank nieder und umschlang die an ihren Körper angezogenen Beine mit den schmerzenden Armen.
Nur einen Moment …
Noch ehe sie den Gedanken zu Ende gedacht hatte, fielen ihr die Augen zu.
Kapitel [anchor=2:19sngt46]2[/anchor:19sngt46] - "Die erste Nacht"
Als sie erwachte, herrschte um sie herum schwärzeste Finsternis. Blinzelnd versuchte sie etwas wahrzunehmen. Sie sah nichts, was aber wohl daran lag, dass ihre Augen sich noch nicht an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Die Luft war kühl und sie fröstelte. Mit langsamen Bewegungen reckte und streckte sie die verspannten Glieder, behutsam, um ja kein Geräusch zu machen. Dank der Sterne und dem Schein des Mondes konnte sie gerade so die Schemen ihrer Hand vor Augen erkennen. Konzentriert lauschte sie in die Nacht hinein. Der Wind ließ die Blätter der Bäume rascheln und brach sich an ihrem kleinen Unterschlupf. Langsam griff sie in die Tasche und zog ein Stück Kohle hervor.
Wie entzünde ich es nur?
Als sie sich versuchte zu drehen, fielen ihr die Stäbe aus der anderen Tasche genau die Kohle.
Ich habe wohl keine andere Wahl.
Ein Seufzer entglitt ihren Lippen. Sie griff sich zwei der Stöcke und wollte diese gerade aneinander reiben, als sie die wohltuende Wärme bemerkte, welche von ihnen ausging. Die Kohle schien mit den Stäben zu reagieren und wurde weicher. Als sie einen Stab in den schwarzen Klumpen steckte, stieg die Temperatur an, und plötzlich war ein schwaches Glühen zu sehen. Dieses dehnte sich aus und die Kohle entzündete sich, was für diesen Rohstoff äußerst ungewöhnlich war. Die Stöcke waren lang genug, um aus jeweils einem sowie einem Stück Kohle vier Fackeln zu formen. Nachdem sie das erledigt hatte, befestigte sie die Lichtquellen notdürftig an den Holzelementen.
Endlich … und vor allem schön warm.
Der Schein der Fackeln erhellte das Innere ihres Unterschlupfes, so dass alles klar erkennbar war. Allerdings trübte die vorherrschende Helligkeit die nächtliche Dunkelheit, welche sie umgab. Ein vorsichtiger Blick durch eine der Öffnung verriet ihr, dass sie wohl nicht lange geschlafen haben musste. Der Vollmond stand am Himmel, noch weit vor seinem Zenit, und tauchte das Land in einen milchig weißen Schimmer.
Ganz schön unheimlich …
Sie setzte sich und lehnte sich nochmals mit dem Rücken gegen die Werkbank. Die Wärme der kleinen Feuer ließ sie nicht mehr ganz so stark frösteln wie zum Zeitpunkt ihres Erwachens. Die innere Unruhe hinderte sie daran, sich noch einmal der Versuchung des Schlafes hinzugeben. Sie schaute sich um. Aufgrund ihres Schaffens am vergangenen Tag war es in ihrer Behausung doch ziemlich eng geworden. Die Rohstoffe und eigens hergestellten Dinge, welche sie nicht mehr in ihren Taschen unterbringen konnte, lagen wild verstreut auf dem Boden und nahmen ihr den Platz, sich einigermaßen vernünftig bewegen zu können.
Ich sollte etwas herstellen, worin ich all die Sachen aufbewahren kann. Und ich habe auch schon eine Idee.
Es dauerte nicht lange, bis sie eine gar nicht mal unansehnliche Truhe in einer Ecke platziert hatte und der Inhalt nicht mehr den Boden bedeckte. Allerdings fehlten immer noch wichtige Werkzeuge für den kommenden Tag, die ihr bei bestimmten Aufgaben die Arbeit erleichtern würden. Und so stellte sie sich wieder an die Werkbank, um das umzusetzen, was ihr gedanklich vorschwebte. Sie wunderte sich nicht mehr darüber, dass die Elemente sich wie durch Magie von selbst zu dem vereinten, was sie ansatzweise versucht hat herzustellen. Nach nicht mal zwei Stunden zierten eine hölzerne Schaufel, eine Axt und eine ebenfalls aus Holz bestehende Hacke den Deckel der Truhe.
"Was ich allerdings mit diesem lächerlichen Holzschwert anfangen soll, weiß ich selber nicht", murmelte sie gedankenverloren und legte es zu den anderen Werkzeugen. Kaum hatte sie sich abgewandt, drangen seltsame Laute an ihr Ohr. Zuerst kamen ihr die Geräusche seltsam befremdlich vor, doch als sie lauter wurden und ihr somit näher kamen, stieg in ihr eine unerwartete Vertrautheit empor. Und doch war und blieb es eine Art Konzert, aus dem sie allerdings die einzelnen Gesänge ausmachen konnte.
Kühe, … das Geblöke von Schafen, Schweinegrunzen, … und sogar Gegacker von Federvieh …Also gibt es hier doch Tiere, wo auch immer hier sein mag.
Ein Lächeln umspielte ihren Mund, und sie musste sich sehr stark zusammennehmen, um nicht vor Freude durch eine der Öffnungen zu klettern und in die Nacht hinaus den Tieren entgegen zu stürmen. Von jetzt auf gleich änderten sich jedoch die Laute. Es mischten sich seltsames Stöhnen oder Gurgeln, lautes Zischen und sogar leises Geklapper in die Zuchttierarie, welche sich daraufhin wieder entfernte. Das Quieken eines Schweins brach sogar jäh ab, gefolgt von einem mehrkehligen, gierigen Schmatzen. Dann wurde es ruhig. Allerdings näherten sich kurz darauf die neuen Geräusche langsam ihrem Unterschlupf.
Das verheißt sicherlich nichts Gutes …
Ein mulmiges Gefühl stieg in ihr auf. Vorsichtig näherte sie sich den einzelnen Öffnungen und spähte nach draußen in die Dunkelheit. Es war nichts zu erkennen und auch die Geräusche waren wieder verstummt.
Ich bin einfach nur aufgewühlt, also beruhige Dich, verdammt.
Sie atmete einmal tief ein und stieß die kühle Luft durch den Mund wieder aus. Zwei Schritte nach hinten brachten sie von der Öffnung weg, durch die sie soeben noch gestarrt hatte, als sich etwas in ihre Haare grub und dermaßen stark an ihnen riss, dass ihr die Tränen in die Augen schossen.
"Lass los, Du Scheusal!"
Sie versuchte, sich aus dem Griff zu lösen, wurde aber unweigerlich weiter nach hinten gezogen. Und plötzlich vernahm sie das Röcheln und Schmatzen hinter sich. Todesangst erfasste sie und versprach ihren Gedanken bereits den Weg in die niedersten Winkel der Hölle. Mit beiden Händen griff sie nach hinten und versuchte, die Klaue aus ihren Haaren zu lösen. Sie schaffte es nicht, der Griff war einfach zu stark. Als sie ihre Hände wieder hervorholte, befanden sich Fetzen von verfaultem Fleisch in ihren Händen und zwischen den Fingern. Sie musste unweigerlich würgen und konnte nur mit viel Glück den Mageninhalt zurückhalten. Tränen des Schmerzes und der Verzweiflung bildeten ein schimmerndes Rinnsal auf ihren Wangen. Kurz bevor sie endgültig den Halt, griff sie geistesgegenwärtig nach einer der Fackeln, riss sie vom Holz und hielt sie soweit hinter ihren Kopf, wie es ihr möglich war. Der erwartete Schmerzenslaut blieb allerdings aus. Nur ein unwilliges Knurren war zu hören. Doch sie hatte Glück im Unglück, denn plötzlich verschwand die Klaue aus ihrem Haar und ihr wurde die Fackel aus der Hand geschlagen. Blitzschnell ließ sie sich fallen, rollte sich auf den Rücken und drückte sich so fest es ging in das weiche Gras. Keinen Augenblick zu früh, denn ein zweiter Arm erschien in der seitlichen Öffnung und hätte sie beinahe zu fassen bekommen. Jetzt endlich konnte sie einen ihrer Feinde im Zwielicht des Fackelscheins draußen vor der Öffnung erkennen. Annähernd menschlich wirkten die Züge des Gesichts, oder besser dessen, was es einmal darstellte. Die Farbe der Haut war eine Mischung aus aschfahlem Grau und Grün und hing regelrecht in Fetzen an den noch übrigen Muskelsträngen. Dasselbe Bild boten die Arme und die Hände, wobei einige der Fingernägel eine beachtliche Länge aufwiesen und im Kampf zu tödliche Waffen werden konnten. Aus dem schon als Maul zu bezeichnenden Mund troff gelber Geifer, der an einem noch recht erschreckenden, widerstandsfähigen Gebiss entlanglief.
Zombies! … Ich hätte nicht gedacht, auch in dieser Welt auf diese Wesen zu treffen.
Und erst jetzt nahm sie den süßlichen Verwesungsgeruch war, der von diesen Kreaturen ausging. Instinktiv wischte sie sich die Hände so gut es ging im Gras ab und hielt sie sich vor Nase und Mund.
Widerlich.
Die ihnen entkommene Beute machte ihre Angreifer rasend. Sie wirkten zwar behäbig, steigerten sich aber so sehr in Raserei, dass sie begannen, das Holz von außen zu zerkratzen und zu zerbeißen. Sie stellte sich unweigerlich auf splitternde und brechende Holzbohlen ein, doch die Blöcke schienen äußerst widerstandsfähig zu sein. Zumindest wollte sie keine Zeit verlieren.
Das ist meine Chance!
Sie robbte über das Gras in Richtung der Truhe und angelte nach dem hölzernen Schwert, das sie vorhin einfach zu den anderen Werkzeugen gelegt hatte. Als sie den Griff umklammerte, entfachte es in ihr ein gewisses Gefühl von Sicherheit und Zuversicht.
Auch wenn du nur aus Holz bist, so kannst Du mir jetzt vielleicht doch das Leben retten.
Sie richtete sich auf und wurde von beiden sofort wieder als Beute erkannt. Die Untoten ließen vom Holz ab und streckten ihre verfaulten Arme durch die Öffnung, um sie zu fassen zu kriegen. Doch sie hatte eine gute Stelle zum Aufstehen gewählt, an der sie von keiner der Öffnungen aus erreicht werden konnte. Jetzt kam ihr die jahrelange Ausbildung zugute, die sie in einer der berüchtigtsten Gilden hatte genießen dürfen. Geschickt schwang sie die hölzerne Klinge und suchte bei ihrem Gegenüber eine Lücke, um an der Klaue vorbei zum Körper zu gelangen.
Geduld … nur Geduld …
Behände sprang sie nach vorne und versuchte, die Spitze des Holzschwertes in die Stelle zu bohren, an welcher der Hals endete und der Brustkorb anfing. Doch der Arm des Zombies schlug ihr fast die Waffe aus der Hand und sie rutschte ab. Mit einem Ausfallschritt brachte sie sich außer Reichweite, drehte sich einmal um die eigene Achse und nutzte den Schwung, um die Klinge nach unten sausen zu lassen. Sie spürte einen kurzen Widerstand, dann lag der abgetrennte Unterarm der Kreatur in ihrer Behausung. Noch bevor der verwundete Zombie den zweiten Arm durch die Öffnung stecken konnte, stach sie ihm das Schwert in einer der Augenöffnungen. Übelriechendes Sekret spritze ihr ins Gesicht, doch es hinderte sie nicht daran, das Holz einmal zu drehen und durch die vergrößerte Vertiefung noch einmal Druck auszuüben. Ihre Kraft reichte aus, um das bereits tote Gehirn zu erreichen. Ein Gurgeln drang aus dem Rachen der Kreatur, dann kippte sie aus ihrem Sichtfeld nach hinten.
Dann eben direkt der Weg ins Gehirn …
Sie wischte sich die stinkende Flüssigkeit von der Wange, drehte sich um und begutachtete ihren zweiten Feind, der immer noch erfolglos nach ihr griff.
Bei ihm muss ich aufpassen … wenn er mich noch einmal erwischt, werde ich womöglich nicht mehr so viel Glück haben.
Noch ehe sie sich versah, hatte der lebende Tote es irgendwie zustande gebracht, seinen zweiten Arm durch die Öffnung zu stecken und machte bereits Anstalten, seinen Kopf und den Oberkörper hinterher zu schieben. Sie trat einen Schritt zurück. Dieser Moment reichte der Kreatur, um seine Arme vollends zu befreien und wie wild in ihre Richtung zu fuchteln. Sie hob die lädierte Waffe und zielte. Die Klinge sollte geradewegs durch seinen Schädel gleiten, sie musste nur an den Pranken vorbeikommen. Mit Schwung stach sie zu und hörte, wie das Holz zerbrach. Einer der Arme hatte das Schwert erwischt, so dass ihr nur noch etwas weniger als die Klingenhälfte übrig blieb. Die leblosen Augen der Kreatur fixierten sie.
Jetzt habe ich keine andere Wahl, ich muss mir eine weichere Schwachstelle suchen für den Rest meiner Waffe suchen. Die anderen Gegenstände nutzen mir leider nichts.
Sie griff zu einer der Fackeln und hielt sie außerhalb seiner Reichweite vor die entstellte Waffe. Und tatsächlich versuchte er, an das flackernde Etwas zu gelangen. Den eigenen Arm so weit es ging von sich gestreckt, hob sie ihren Waffenarm außerhalb seines Blickes an. Blitzschnell stieß sie zu, den hölzernen Stumpf direkt in die Muskeln der bereits zerfetzen Wange. Sie hätte nicht damit gerechnet, dass ihr so viel Kraft geblieben war, denn der Schwung ihres Armes riss den Kopf des Zombies so schnell zur entgegen gesetzten Seite, dass sie das Knacken von Knochen vernahm. Die gebrochenen Halswirbel töteten ihn zwar nicht, verschafften ihr aber den entscheidenden Vorteil. Sie glitt an ihm vorbei und trat mit voller Wucht in sein Genick. Die Sehnen rissen, Wirbel zerbarsten. Seine verwesten Arme fielen in mitten der Bewegung schlaff zu Boden, genau so haltlos wie der Kopf, welcher nun vor ihr hing. Das böse Knurren erschreckte sie nun keineswegs, denn ihr Feind konnte sich nicht mehr bewegen. Sie zog das Überbleibsel ihrer Waffe aus seinem Gesicht. Eine Mischung aus gelbem Schleim und Blut tropfte vom Holz zu Boden. Sichtlich erleichtert trat sie vor den Zombie und kniete sich nieder. Sie schob eine Hand unter sein Kinn und hob den Kopf so weit es ihr möglich war an. Seine Fratze befand fast auf gleicher Höhe mit ihrem Gesicht. Die toten Augen schienen sich in ihre Seele zu bohren, fauliger Atem erreichte ihre empfindliche Nase. Sie hielt die Luft an und rammte den Schwertrest von unten in die nun freiliegende Schwachstelle oberhalb des Brustbeins. Sekunden später zersetzte sich die noch übrig gebliebene Haut, die Knochen wurden porös und der Körper fiel in sich zusammen. Wenige Augenblicke danach war nichts mehr zu sehen außer einem kleinen Aschehaufen.
Das dürfte wohl auch mit dem anderen geschehen sein.
Sie ließ sich ins Gras fallen und lauschte. Erst jetzt war sie in der Lage, den Schlag ihres Herzens wahrzunehmen. Es schlug ihr bis zum Hals, das Blut raste durch ihren Körper wie ein wilder Sturzbach nach einem Unwetter. Der Stress entlud sich in einer Wallung aus Hitze, die sie von innen nach außen zu verbrennen schien. Den hölzernen Griff des Schwertes noch immer umklammert kroch sie in die Behausungsmitte und kauerte sich zusammen. Ein letztes Mal lauschte sie. Nichts, weder vertraute noch befremdliche Geräusche waren zu hören; nur das Rauschen von Wasser. Aber sie fand nicht mehr die Kraft, sich gedanklich damit zu beschäftigen. Ihr Körper forderte jetzt den Tribut ein, den er eigentlich schon vor Stunden verdient hätte.
… aber vielleicht bin ich morgen schon tot.
Dieser Gedanke war ihr letzter Begleiter in einen Schlaf voller Alpdrücken.
Kapitel [anchor=3:19sngt46]3[/anchor:19sngt46] - "Flucht"
Die junge Frau blinzelte. Einzelne Sonnenstrahlen tauchten den Waldboden in freundliches Tageslicht. Der angenehme Duft des frischen Mooses unter ihrer Wange stieg ihr in die Nase, der aber auch irgendwie etwas Ekelerregendes an sich hatte. Und sie nahm ein störendes Summen wahr, das sich irgendwo hinter ihr befand. Sich die Augen reibend richtete sie sich auf. Trotz der bereits am Himmel stehenden Sonne fröstelte es die junge Frau. Langsam drehte sie sich im Sitzen um und erstarrte. Nicht weit von ihr machten sich hunderte Fliegen über etwas am Boden liegendes her, das einen immensen Gestank an die eigentlich frisch duftende Waldluft abgab. Sie hielt sich eine Hand über Mund und Nase, rückte ein Stück näher an die rosa gefärbten Klumpen heran, die nun bedeckt waren mit kleinen, schimmernden Fliegenkörpern. Bei näherem Hinsehen weiteten sich ihre Augen und ihr Magen wölbte sich ruckartig. Schnell wandte sich die junge Frau ab, doch es war zu spät. Ihr Magen gehorchte ihr nicht mehr, würgend übergab sie sich dermaßen heftig, dass sich kalter Schweiß auf ihrer Stirn bildete. Es dauerte eine Zeit lang, bis sie die Kraft fand, auf allen Vieren zu einem nahe gelegenen Baum zu kriechen, um sich daran hochzuziehen. Den Blick gesenkt sah sie, dass auch ihre Kleidung, die aus einem wärmenden Leinenhemd, einer Lederhose und passenden Stiefeln bestand, über und über mit getrocknetem Blut benetzt war. Schmerzen hatte sie keine, doch vorsorglich suchte sie jede Stelle ihres zerbrechlichen Körpers nach Verletzungen ab.
Nichts zu entdecken … also muss es sich um fremdes Blut handeln.
Alleine schon der Gedanke daran ließ ihre Knie zittern und es gelang ihr nur mit größter Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Sie schaute nochmals auf die nicht weit entfernt liegenden, blutigen Eingeweide und sofort stieg wieder Übelkeit in ihr auf. Schnell wandte sie den Blick ab und versuchte sich zu konzentrieren.
Was ist passiert? … Ich kann, … ich kann mich nicht erinnern …
Die junge Frau schloss die Augen. Doch so sehr sie sich auch bemühte, bekam sie keinen klaren Gedanken zu fassen. Sie rutschte am Stamm nach unten und schaute sich um, wobei sie es tunlichst vermied, auf die entsetzlich stinkenden Innereien zu starren. Sie befand sich auf einer Lichtung, welche umgeben war von sehr niedrig gewachsenen Bäumen, deren Kronen so gut wie keine Sonnenstrahlen auf den Waldboden durchließen. Die Stelle, an der sie erwachte, war eine der wenigen, hellen, Ausnahmen. Das Blätterwerk war ansonsten sehr dicht und sorgte für Schatten, denen die junge Frau nicht traute. Zu allen Seiten hin befand sich auf den ersten Blick undurchdringliches Unterholz. In der Hoffnung, vielleicht doch nicht alleine zu sein, rief sie.
"Hallo? … … … Kann mich jemand hören?"
Ihr Rufen wurde von der bewaldeten Dunkelheit regelrecht aufgesogen wie das nach einer Dürre fallende Wasser vom Boden. Und es antwortete niemand, auch nicht, nachdem ein paar Augenblicke verstrichen waren. Auf einmal geschah etwas Seltsames. Als die Worte in die finsteren Ecken des Waldes vorgedrungen waren, schien es, als würde eine Gefahr, welche von diesem Hain ausging, näher heran rücken. Die Blätter in den Kronen wirkten mit einem Mal bedrohlich beengend. Sie lauschte. Nichts, noch nicht einmal die für einen Wald typischen Geräusche waren zu vernehmen.
Als würde die Zeit stillstehen …
Und plötzlich war es da, dieses Gefühl, nicht mehr alleine zu sein. Es war, als würden unsichtbare Arme nach dem Herzen der jungen Frau greifen, um es langsam und mit der Geduld der Unsterblichkeit zerquetschen zu wollen. Nervös schaute sie sich um, konnte aber nichts entdecken, was in irgendeiner Weise ungewöhnlich erschien.
Ich habe mich wohl geirrt …
Ihr Blick suchte mutig die Überreste, an denen irgendetwas anders war. Und dann wusste sie, was ihren letzten Gedanken Lügen strafte.
Wo sind die Unmengen an Fliegen hin, die sich eben noch an den Eingeweiden gelabt haben? … Haben sie etwa dasselbe gespürt wie ich und sind geflohen? Wenn dem so ist, wovor haben sie sich in Sicherheit gebracht?
Plötzlich und ohne erkennbare Anzeichen fand ein Laut, der weder von Mensch noch Tier zu stammen schien, seinen Weg auf die Lichtung. Die junge Frau erschrak zutiefst und sprang auf. Direkt vor ihr schien sich etwas regelrecht durch den Wald zu wühlen. Ohne weiter darüber nachzudenken, machte sie auf der Stelle kehrt und rannte so schnell sie konnte in das entgegen gelegene Unterholz. Die kleinen, meist spitzen Äste peitschten in ihr Gesicht, doch das war ihr egal. Sie spürte nur noch die nackte Angst im Nacken, Todesangst, die ihr Flügel zu verliehen schien. Weit hinter sich hörte sie kurzes, gieriges Schmatzen, dann ein intensives Schnüffeln, gefolgt von dem Brechen des Geästs. Die junge Frau spürte, dass ihr ganz langsam die Hoffnung entglitt, diesen Wald lebend hinter sich lassen zu können. Mittlerweile rannte sie unter dicht aneinander gereihten Nadelbäumen hindurch, die ihr das Vorankommen nicht leichter machten. Ihrem Verfolger hingegen schienen die Verästelungen weniger auszumachen, denn die Mischung aus Knurren und Schmatzen war nun deutlicher zu hören als zuvor.
Gib nicht auf! Du musst weiter, wenn Du nicht so enden willst wie das, was Du auf der Lichtung gesehen hast!
Im nächsten Moment schienen ihr etwas hellere Schemen entgegen. Sie mobilisierte noch einmal all die verbliebenen Kräfte.
Ich will leben!
Als sich die Bäume lichteten, gelangte die junge Frau in einen weiteren Teil des Waldes, der weitaus besser überschaubar war. Farn wuchs kniehoch aus dem Waldboden und noch höhere Bäume mit noch größeren, aber nicht ganz so gedrungenen Wipfeln, standen nun nicht mehr dicht an dicht.
Nun kann es nicht mehr weit sein bis zum Waldrand. Sie versuchte, sich umzusehen, um endlich Gewissheit über das Aussehen des lebensbedrohlichen Etwas zu erlangen, das sie hetzte wie der Jäger ein wundwaides Tier.
“Bei Angharradh! Lauf weiter, sonst ist Dein Schicksal besiegelt!“
Vor Schreck wäre sie fast gestolpert und der Länge nach in die mittlerweile den Boden bedeckenden kleinen Dornenranken gefallen, als die Stimme durch die Luft schwang. Dem Hall nach zu urteilen kam sie irgendwo von oberhalb. Die junge Frau hob den Blick und entdeckte gerade noch rechtzeitig einen dunklen Schemen, der sich im nächsten Augenblick in Luft aufzulösen schien. Ihr fehlte die Kraft zu einer Antwort und sie konzentrierte sich auf die Flucht, tat, wie ihr geheißen. Hinter ihr beugten sich die Pflanzen am Boden den mächtigen Schritten des knurrenden Wesens. Ohne Vorwarnung zischte etwas Glänzendes an ihrem Ohr vorbei. Noch ehe die junge Frau richtig wahrnahm, was geschah, durchschnitten immer mehr Pfeile die Luft um sie herum, ohne sie auch nur einmal zu verletzen. Dem zornigen Brüllen im ihrem Rücken war zu entnehmen, dass das ihr noch immer unbekannte Geschöpf das Ziel der Spitzen war. Angestachelt und rasend vor Wut schien es nun aufzuholen, damit sein Opfer nicht entkam. Die junge Frau spürte, wie ihre Kräfte dahinschwanden, gleich so, als würde Met aus einer Flasche fließen, die mit Absicht umgestoßen worden war. Ihre Bewegungen wurden zäh, helle und dunkle Flecken tanzten vor ihren Augen. Mit einem Mal wurde sie von Schwärze eingehüllt und spürte ihre Beine nicht mehr. Das letzte, was sie hörte, war die Stimme einer Frau.
Warum? … Warum haben … sie … mir … nicht früher geholfen???
[goto=0:19sngt46]Kapitel 0 - Erwachen[/goto:19sngt46][/*:m:19sngt46]
[goto=1:19sngt46]Kapitel 1 - Zwielicht[/goto:19sngt46][/*:m:19sngt46]
[goto=2:19sngt46]Kapitel 2 - Die erste Nacht[/goto:19sngt46][/*:m:19sngt46]
[goto=3:19sngt46]Kapitel 3 - Flucht[/goto:19sngt46][/*:m:19sngt46]
Kapitel [anchor=0:19sngt46]0[/anchor:19sngt46] - "Erwachen"
Wo war sie? Und wie kam sie hierher? Das Letzte, woran sie sich erinnerte, war das Auffangen eines glänzenden, schwarzen Steins, der ihr von einem Raritätenhändler zugeworfen worden war. Im nächsten Augenblick hatte sich die Welt um sie herum völlig verändert. Zuerst hielt sie es für eine magische Täuschung, doch als sie sich einmal im Kreis drehte, glaubte sie, den Verstand zu verlieren.
Ganz ruhig, atme langsam und tief … ein und aus.
Das tat sie, doch es änderte nichts an der Tatsache, dass die Stadt, in der sie sich eben noch befand, verschwunden war. Es war nichts mehr um sie herum, was sie kannte, ihre Blicke streiften nur noch unberührte Natur. Und dann kam die Panik. Auf dem sandigen Untergrund fiel sie auf die Knie und schlug die Hände vor das in Tränen getauchte Gesicht.
Was ist geschehen? Wo bin ich?
Als sie nach einiger Zeit die Augen wieder öffnete, bemerkte sie etwas, das in den ersten Momenten nur von ihrem Unterbewusstsein wahrgenommen worden war. Sie war alleine. Sich ein weiteres Mal auf der Stelle drehend konnte sie niemanden entdecken.
"Hallo? … Ist da jemand?? … Hallo???"
Ihre Stimme hallte über das Land, bahnte sich den Weg über schneebedeckte Berge und durch sandige Wüsten, bis sie sich endlich in dicht bewachsenen Wäldern brach. Doch es blieb still. Lauschend und auf eine Antwort hoffend blieb sie ein paar Wimpernschläge lang reglos stehen. Niemand antwortete ihr. Und seltsamerweise hörte sie auch kein Vogelgezwitscher oder wenigstens das Schlagen von Flügeln in der Luft. Die einzigen Geräusche waren das Rauschen des Wassers, welches sie umgab, und das Rascheln der sich im Wind wiegenden Blätter in den Bäumen, die sich auf dem Hügel vor ihr auftaten. Mit einem Mal kehrte die Entschlossenheit und mit ihr der Glanz in den Augen zurück.
Ich kann nichts an der jetzigen Situation ändern, also schaue ich mich am besten erst einmal um.
Als sie den Dolch aus ihrem Gürtel ziehen wollte, wanderte ihr Blick erstaunt an ihrem Körper nach unten. Erleichtert stellte sie nebenbei fest, dass sie nicht verletzt war. Das Halstuch, der Wams, ihre Hose sowie die Stiefel waren noch da, aber die wichtigsten Dinge fehlten.
Verdammt! Wo ist meine Ausrüstung?
Ihre Hände wanderten tastend zur Taille, doch so sehr sie auch nachfühlte, weil sie ihren Augen ein weiteres Mal nicht traute, es war nichts mehr da; weder der Beutel mit Gold noch das kleine Täschchen mit Proviant waren dort, wo sie sein sollten. Ganz zu schweigen von dem gesuchten Dolch und dem Kurzschwert, ohne das sie bei Gefahr völlig wehrlos war. Unsicher schaute sie sich um. Aber nichts, was auf ein Lebewesen gewiesen hätte, streifte ihren Blick.
Im Moment scheine ich nicht in Gefahr zu sein, also sollte ich die Chance nutzen, um mir ein sicheres Versteck für die Nacht zu suchen.
Sie schaute zum Himmel und stellte fest, dass die Sonne die Mittagsstunde noch nicht erreicht hatte. Aber da sie nicht wusste, wo sie sich befand und was ihr noch alles widerfahren würde, machte sie, ohne sich noch einmal umzusehen, den ersten Schritt in Richtung des bewaldeten Hügels.
Kapitel [anchor=1:19sngt46]1[/anchor:19sngt46] - "Zwielicht"
Der Hügel bot ihr trotz zahlreicher Bäume die Gelegenheit, etwas mehr von der um sie herum fließenden Landschaft wahrzunehmen, da sie an vielen der Stämme und nicht allzu dichten Kronen vorbeischauen konnte. Instinktiv hielt sie Ausschau nach dem höchsten Punkt, nahm aus den Augenwinkeln aber auch für sie wichtige Einzelheiten wahr. So wuchsen nicht weit von ihr rote und gelbe Blumen und unter manchem Baum auch der ein oder andere Pilz.
Wenigstens ein erstes Zeichen von Vegetation …
Sie seufzte. Zur ihrer Linken erhob sich etwas, das man schon als Berg bezeichnen konnte, auch wenn er keinen Schatten zu werfen schien. Auf der rechten Seite erkannte sie einen etwas kleineren Berg, der sich allerdings deutlich weniger ihrer Aufmerksamkeit gewiss sein konnte. Vor sich ebnete sich das Land und bildete eine Mischung aus mit Gras bewachsenen Hügeln, gepaart mit dem weißen Sand, auf dem sie vorhin gekniet hatte. Nach einer kurzen Überlegung führte sie ihr Weg in Richtung des Berges, welcher ihr auf Anhieb hoch genug vorgekommen war. Nach einigen Metern verdichtete sich das Unterholz und wurde undurchdringlicher. Um sich nicht zu verausgaben, umging sie das Dickicht und versuchte, den Berg nicht aus dem Blick zu verlieren. Plötzlich verlor sie den Boden unter dem linken Fuß und wäre um ein Haar in eine Art Erdloch gefallen, doch ihre blitzschnelle Reaktion rettete sie vor dem Sturz auf die offen liegenden Felsen. Bäuchlings landete sie an der Kante, rappelte sich aber sofort wieder auf. Immer noch etwas erschrocken wanderte ihr Blick in den unter ihr befindlichen Eingang. Grauer Fels zierte die Wände, die sich schon nach ein paar Metern in tiefster Dunkelheit verloren. Kühle, nach Gestein riechende Luft wehte ihr entgegen und ließ sie frösteln.
Nun hab’ Dich nicht so, Angst war noch nie ein guter Begleiter gewesen.
Mit steifen Schritten wagte sie sich nach unten an den eigentlichen Eingang der Höhle. Nur zwei Fuß trennten sie von der Grasfläche über ihr und doch kam es ihr unendlich weit vor. Ihre Augen versuchten regelrecht, die vor ihr liegende Finsternis zu durchbohren, doch es gelang nicht. Und irgendetwas sagte ihr, dass es besser war, den Berg für ein nächtliches Versteck diesem Loch vorzuziehen. Kaum war dieser Eindruck verflogen, glaubte sie, ein Geräusch gehört zu haben. Ganz kurz das leise Zischen den Weg an ihre Ohren, die seit ihrer Geburt an schon sehr empfindlich waren. Dann war es wieder still. Sie lauschte. Nichts. Und doch hätte sie schwören können, dass sie etwas gehört hatte. Plötzlich richteten sich ihre Nackenhärchen auf und ehe sie sich ihrer Bewegung bewusst wurde, war sie bereits aus der Öffnung herausgesprungen. So schnell sie konnte rannte sie dem Berg entgegen, der sie mit offenen Armen zu empfangen schien. Kaum hatte sie den Fuß des Riesen erreicht, machte sie sich an den Aufstieg, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzudrehen. Hier kamen ihr der schlanke Körperbau und die Geschicklichkeit zugute, auch wenn es den Anschein hatte, als würde die Zeit vor ihr flüchten. Das Klettern kam ihr wie eine kleine Ewigkeit vor, die so abrupt endete, dass sie fast ins Leere gegriffen hätte. Mit einem letzten Ruck zog sie sich über die Kante und richtete sich auf. Die Wolken zogen gemächlich nur knapp über ihrem Kopf hinweg in Richtung Horizont.
Was für ein Ausblick, fantastisch!
Sie drehte sich mehrmals im Kreis und versuchte sich alles genau einzuprägen. Das Plateau, auf dem sie stand, war groß genug, um gleich mehrere Herrenhäuser darauf errichten zu können. Doch soweit wollte sie gar nicht denken, denn viel wichtiger war der geplante Unterschlupf. Sie schaute sich um und entdeckte in der Mitte des Plateaus eine Senke, an deren Rand einige Bäume standen. Deren Kronen ragten bis über die Wolkendecke hinaus und spendeten viel Schatten. Bedauerlicherweise konnte sie nichts anderes als die Baumstämme entdecken, woraus sich ein einigermaßen guter Schutz hätte bauen lassen. Enttäuscht schlug sie mit der Faust gegen den mit brauner Rinde überzogenen Stamm neben ihr.
Was ist das? … Das Holz scheint sehr weich zu sein. Vielleicht lässt es sich doch leichter brechen, als ich dachte.
Die ersten Handgriffe wirkten selbst für ihre Geschicklichkeit äußert unbeholfen und steif, aber dann bekam sie allmählich ein Gefühl für die Schwachstellen des Baums. Und ehe sie sich versah, hatte sie den kompletten Baumstamm in einigermaßen gleichgroße Stücke zerlegt. Aus Neugierde zog sie von einem der Stücke die Rinde ab und wunderte sich über die Schicht Unterholz, die zum Vorschein kam.
"Hey!"
Sie erschrak vor ihrem erfreuten Ausruf.
Das kann ich weitaus besser gebrauchen als die Stücke mit Rinde.
Voller Eifer entfernte sie die Rinde. Nach getaner Arbeit wollte sie sich daran machen, die Unterholzblöcke zu stapeln, doch sie zuckte zurück. Die einzelnen Blöcke teilten sich. Sie rieb sich über die Augen, doch das änderte nichts daran, dass aus jedem der hölzernen Würfel drei weitere entstanden, sich regelrecht abkapselten und selbständig formten.
Wie kann das sein?
Minuten lang stand sie wie versteinert vor dem Haufen als Holz, der sich gebildet hatte und war wie paralysiert. Doch je mehr sie versuchte, das Gesehene zu verstehen, umso mehr glaubte sie, den Verstand zu verlieren. Schließlich machte sie dort weiter, wo sie aufgehört hatte, stapelte die Unterholzblöcke jeweils gepaart übereinander und trat einen Schritt zurück, um ihr Werk genauer zu begutachten. Beim näheren Hinsehen fiel ihr die seltsame Maserung auf. Als sie mit dem Finger darüber strich, erkannte sie drei hauchdünne Risse, nicht breiter als ein Haar, die sich von oben nach unten durch beide Blöcke zogen. Fragend schauend legte sie den Kopf schräg und versuchte ihr Glück. Mit aller Kraft gelang es ihr, entlang des Risses ein schmales Stück des oberen Blocks abzubrechen … dachte sie. Als sie das Ergebnis ihrer Anstrengung musterte, stellte sie erstaunt fest, dass der entstandene Stab genau so hoch war wie beide Blöcke übereinander. Irritiert schaute sie sich den Rand des unteren Blocks an. Und tatsächlich fehlte auch hier der Streifen entlang des Haarrisses.
Das ist erstaunlich. Beide Teile scheinen sich miteinander verbunden zu haben, als ich das obere Stück abgebrochen habe, gerade so, als wären sie miteinander auf magische Weise verschmolzen. Auf jeden Fall könnten sich diese Stäbe noch als nützlich erweisen.
Um sich eine kurze Pause zu gönnen, näherte sie sich noch einmal der Senke, an deren Rand sie den Baum gefällt hatte, und ließ den Blick schweifen. Die Sonne hatte längst die höchste Stelle hinter sich gelassen und die Luft war ein wenig kühler geworden.
Ich muss mich sputen, wenn ich die Nacht nicht im Freien verbringen will.
Dann wurde sie einem schwarzen Schimmern gewahr, das von der anderen Seite der Senke aus dem offen liegenden Gestein zu kommen schien. Im ersten Moment glaubte sie, es handele sich um das gleiche Schimmern des von ihr gefangenen Steins, der ihr der Händler zugeworfen hatte. Aber ihre scharfen Augen belehrten sie eines Besseren. Der Schimmer war trüb, nicht glänzend, mit einem Stich ins Dunkelgraue. Das wollte sie sich aus der Nähe ansehen. Wenige Augenblicke später kniete sie vor den beiden Gesteinsbrocken, die ihre Aufmerksamkeit geweckt hatten. Sie strich ungläubig mit den Fingerspitzen darüber. Die schwarze Spur auf der Haut ließ sie alle Zweifel vergessen.
Kohle! Es ist wahrhaftig Kohle! … Aber wie soll ich an die Stücke herankommen?
Mit bloßen Händen war das nicht zu schaffen, das wusste sie. Sie schaute zurück zu den herstellten Holzblöcken.
Ich müsste etwas haben, auf dem ich werken kann; eine Art größere Oberfläche.
Und dann kam ihr eine Idee. Mit schnellen Schritten lief sie zurück und arrangierte neun Blöcke zu einem Würfel. Als sie den letzen Handgriff getan hatte, verbanden sich die Elemente vor ihren staunenden Augen und bildeten eine Art Werkbank, wie sie sie aus den Schreinereien der Stadt kannte, in der sie sich noch vor wenigen Stunden befunden hatte.
Das ist unglaublich, hier muss Magie im Spiel sein. Anders kann ich mir das nicht erklären.
Sie berührte den Block, nur um sicher zu sein, dass es sich nicht um ein Trugbild handelte. Er war echt. Sofort machte sie sich daran, ihre Idee einer hölzernen Spitzhacke umzusetzen. Es gelang zwar nicht beim ersten Versuch, doch der zweite glückte. Und auch dieses Mal konnte sie beobachten, wie sich die benutzten Dinge wie bei einer Symbiose zu einem stabilen Werkzeug zusammensetzten. Immer noch ein wenig ungläubig dreinblickend kam sie kurz darauf mit einigen Kohlenstücken in den Taschen zurück und schaute nach oben. Die Sonne hatte den Himmel längst in ein tiefes Rot gefärbt und die Nacht schien bereits ihre Arme über diese Welt legen zu wollen.
Ich kann nicht mehr, aber es hilft nichts. Und aufgeben werde ich nicht!
Es war nicht leicht gewesen, die schwarzen Klumpen aus dem massiven Gestein zu befreien, auch wenn die hölzerne Spitzhacke nicht sonderlich schwer war. Aber sie hatte noch nie in ihrem Leben körperlich so schwer arbeiten müssen. In gewisser Weise erfüllte sie das Geschaffte innerlich aber mit Stolz, einem Gefühl, welches ihr eigentlich fremd war, trotz ihrer Herkunft. Mit letzter Kraft arrangierte sie das Holz auf der höchsten, ebenen Fläche so, dass diese ein Viereck von jeweils vier Blöcken bildeten. Die stützenden Pfeiler für die noch fehlende Decke machten ihr die größten Probleme, weil sie die Blöcke zu diesem Zweck hochheben und genauestens absetzen musste. Die Platzierung des letzten Pfeilers läutete dann endlich die Nacht ein, vor der sie sich den ganzen Tag schon gefürchtet hatte. Ihr Körper versagte eigentlich jeglichen Dienst, doch sie unterdrückte die Schmerzen und vollendete unter größter Anstrengung schließlich das Dach. Auf wackligen Beinen stolperte sie in die notdürftige Behausung und schob von innen einen letzten Holzblock in die Öffnung, durch die sie eingetreten war. Nun war sie eingeschlossen, aber das war ihr weitaus lieber, als von nächtlichen Schatten gefressen zu werden. Rücklings ließ sie sich an der Werkbank nieder und umschlang die an ihren Körper angezogenen Beine mit den schmerzenden Armen.
Nur einen Moment …
Noch ehe sie den Gedanken zu Ende gedacht hatte, fielen ihr die Augen zu.
Kapitel [anchor=2:19sngt46]2[/anchor:19sngt46] - "Die erste Nacht"
Als sie erwachte, herrschte um sie herum schwärzeste Finsternis. Blinzelnd versuchte sie etwas wahrzunehmen. Sie sah nichts, was aber wohl daran lag, dass ihre Augen sich noch nicht an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Die Luft war kühl und sie fröstelte. Mit langsamen Bewegungen reckte und streckte sie die verspannten Glieder, behutsam, um ja kein Geräusch zu machen. Dank der Sterne und dem Schein des Mondes konnte sie gerade so die Schemen ihrer Hand vor Augen erkennen. Konzentriert lauschte sie in die Nacht hinein. Der Wind ließ die Blätter der Bäume rascheln und brach sich an ihrem kleinen Unterschlupf. Langsam griff sie in die Tasche und zog ein Stück Kohle hervor.
Wie entzünde ich es nur?
Als sie sich versuchte zu drehen, fielen ihr die Stäbe aus der anderen Tasche genau die Kohle.
Ich habe wohl keine andere Wahl.
Ein Seufzer entglitt ihren Lippen. Sie griff sich zwei der Stöcke und wollte diese gerade aneinander reiben, als sie die wohltuende Wärme bemerkte, welche von ihnen ausging. Die Kohle schien mit den Stäben zu reagieren und wurde weicher. Als sie einen Stab in den schwarzen Klumpen steckte, stieg die Temperatur an, und plötzlich war ein schwaches Glühen zu sehen. Dieses dehnte sich aus und die Kohle entzündete sich, was für diesen Rohstoff äußerst ungewöhnlich war. Die Stöcke waren lang genug, um aus jeweils einem sowie einem Stück Kohle vier Fackeln zu formen. Nachdem sie das erledigt hatte, befestigte sie die Lichtquellen notdürftig an den Holzelementen.
Endlich … und vor allem schön warm.
Der Schein der Fackeln erhellte das Innere ihres Unterschlupfes, so dass alles klar erkennbar war. Allerdings trübte die vorherrschende Helligkeit die nächtliche Dunkelheit, welche sie umgab. Ein vorsichtiger Blick durch eine der Öffnung verriet ihr, dass sie wohl nicht lange geschlafen haben musste. Der Vollmond stand am Himmel, noch weit vor seinem Zenit, und tauchte das Land in einen milchig weißen Schimmer.
Ganz schön unheimlich …
Sie setzte sich und lehnte sich nochmals mit dem Rücken gegen die Werkbank. Die Wärme der kleinen Feuer ließ sie nicht mehr ganz so stark frösteln wie zum Zeitpunkt ihres Erwachens. Die innere Unruhe hinderte sie daran, sich noch einmal der Versuchung des Schlafes hinzugeben. Sie schaute sich um. Aufgrund ihres Schaffens am vergangenen Tag war es in ihrer Behausung doch ziemlich eng geworden. Die Rohstoffe und eigens hergestellten Dinge, welche sie nicht mehr in ihren Taschen unterbringen konnte, lagen wild verstreut auf dem Boden und nahmen ihr den Platz, sich einigermaßen vernünftig bewegen zu können.
Ich sollte etwas herstellen, worin ich all die Sachen aufbewahren kann. Und ich habe auch schon eine Idee.
Es dauerte nicht lange, bis sie eine gar nicht mal unansehnliche Truhe in einer Ecke platziert hatte und der Inhalt nicht mehr den Boden bedeckte. Allerdings fehlten immer noch wichtige Werkzeuge für den kommenden Tag, die ihr bei bestimmten Aufgaben die Arbeit erleichtern würden. Und so stellte sie sich wieder an die Werkbank, um das umzusetzen, was ihr gedanklich vorschwebte. Sie wunderte sich nicht mehr darüber, dass die Elemente sich wie durch Magie von selbst zu dem vereinten, was sie ansatzweise versucht hat herzustellen. Nach nicht mal zwei Stunden zierten eine hölzerne Schaufel, eine Axt und eine ebenfalls aus Holz bestehende Hacke den Deckel der Truhe.
"Was ich allerdings mit diesem lächerlichen Holzschwert anfangen soll, weiß ich selber nicht", murmelte sie gedankenverloren und legte es zu den anderen Werkzeugen. Kaum hatte sie sich abgewandt, drangen seltsame Laute an ihr Ohr. Zuerst kamen ihr die Geräusche seltsam befremdlich vor, doch als sie lauter wurden und ihr somit näher kamen, stieg in ihr eine unerwartete Vertrautheit empor. Und doch war und blieb es eine Art Konzert, aus dem sie allerdings die einzelnen Gesänge ausmachen konnte.
Kühe, … das Geblöke von Schafen, Schweinegrunzen, … und sogar Gegacker von Federvieh …Also gibt es hier doch Tiere, wo auch immer hier sein mag.
Ein Lächeln umspielte ihren Mund, und sie musste sich sehr stark zusammennehmen, um nicht vor Freude durch eine der Öffnungen zu klettern und in die Nacht hinaus den Tieren entgegen zu stürmen. Von jetzt auf gleich änderten sich jedoch die Laute. Es mischten sich seltsames Stöhnen oder Gurgeln, lautes Zischen und sogar leises Geklapper in die Zuchttierarie, welche sich daraufhin wieder entfernte. Das Quieken eines Schweins brach sogar jäh ab, gefolgt von einem mehrkehligen, gierigen Schmatzen. Dann wurde es ruhig. Allerdings näherten sich kurz darauf die neuen Geräusche langsam ihrem Unterschlupf.
Das verheißt sicherlich nichts Gutes …
Ein mulmiges Gefühl stieg in ihr auf. Vorsichtig näherte sie sich den einzelnen Öffnungen und spähte nach draußen in die Dunkelheit. Es war nichts zu erkennen und auch die Geräusche waren wieder verstummt.
Ich bin einfach nur aufgewühlt, also beruhige Dich, verdammt.
Sie atmete einmal tief ein und stieß die kühle Luft durch den Mund wieder aus. Zwei Schritte nach hinten brachten sie von der Öffnung weg, durch die sie soeben noch gestarrt hatte, als sich etwas in ihre Haare grub und dermaßen stark an ihnen riss, dass ihr die Tränen in die Augen schossen.
"Lass los, Du Scheusal!"
Sie versuchte, sich aus dem Griff zu lösen, wurde aber unweigerlich weiter nach hinten gezogen. Und plötzlich vernahm sie das Röcheln und Schmatzen hinter sich. Todesangst erfasste sie und versprach ihren Gedanken bereits den Weg in die niedersten Winkel der Hölle. Mit beiden Händen griff sie nach hinten und versuchte, die Klaue aus ihren Haaren zu lösen. Sie schaffte es nicht, der Griff war einfach zu stark. Als sie ihre Hände wieder hervorholte, befanden sich Fetzen von verfaultem Fleisch in ihren Händen und zwischen den Fingern. Sie musste unweigerlich würgen und konnte nur mit viel Glück den Mageninhalt zurückhalten. Tränen des Schmerzes und der Verzweiflung bildeten ein schimmerndes Rinnsal auf ihren Wangen. Kurz bevor sie endgültig den Halt, griff sie geistesgegenwärtig nach einer der Fackeln, riss sie vom Holz und hielt sie soweit hinter ihren Kopf, wie es ihr möglich war. Der erwartete Schmerzenslaut blieb allerdings aus. Nur ein unwilliges Knurren war zu hören. Doch sie hatte Glück im Unglück, denn plötzlich verschwand die Klaue aus ihrem Haar und ihr wurde die Fackel aus der Hand geschlagen. Blitzschnell ließ sie sich fallen, rollte sich auf den Rücken und drückte sich so fest es ging in das weiche Gras. Keinen Augenblick zu früh, denn ein zweiter Arm erschien in der seitlichen Öffnung und hätte sie beinahe zu fassen bekommen. Jetzt endlich konnte sie einen ihrer Feinde im Zwielicht des Fackelscheins draußen vor der Öffnung erkennen. Annähernd menschlich wirkten die Züge des Gesichts, oder besser dessen, was es einmal darstellte. Die Farbe der Haut war eine Mischung aus aschfahlem Grau und Grün und hing regelrecht in Fetzen an den noch übrigen Muskelsträngen. Dasselbe Bild boten die Arme und die Hände, wobei einige der Fingernägel eine beachtliche Länge aufwiesen und im Kampf zu tödliche Waffen werden konnten. Aus dem schon als Maul zu bezeichnenden Mund troff gelber Geifer, der an einem noch recht erschreckenden, widerstandsfähigen Gebiss entlanglief.
Zombies! … Ich hätte nicht gedacht, auch in dieser Welt auf diese Wesen zu treffen.
Und erst jetzt nahm sie den süßlichen Verwesungsgeruch war, der von diesen Kreaturen ausging. Instinktiv wischte sie sich die Hände so gut es ging im Gras ab und hielt sie sich vor Nase und Mund.
Widerlich.
Die ihnen entkommene Beute machte ihre Angreifer rasend. Sie wirkten zwar behäbig, steigerten sich aber so sehr in Raserei, dass sie begannen, das Holz von außen zu zerkratzen und zu zerbeißen. Sie stellte sich unweigerlich auf splitternde und brechende Holzbohlen ein, doch die Blöcke schienen äußerst widerstandsfähig zu sein. Zumindest wollte sie keine Zeit verlieren.
Das ist meine Chance!
Sie robbte über das Gras in Richtung der Truhe und angelte nach dem hölzernen Schwert, das sie vorhin einfach zu den anderen Werkzeugen gelegt hatte. Als sie den Griff umklammerte, entfachte es in ihr ein gewisses Gefühl von Sicherheit und Zuversicht.
Auch wenn du nur aus Holz bist, so kannst Du mir jetzt vielleicht doch das Leben retten.
Sie richtete sich auf und wurde von beiden sofort wieder als Beute erkannt. Die Untoten ließen vom Holz ab und streckten ihre verfaulten Arme durch die Öffnung, um sie zu fassen zu kriegen. Doch sie hatte eine gute Stelle zum Aufstehen gewählt, an der sie von keiner der Öffnungen aus erreicht werden konnte. Jetzt kam ihr die jahrelange Ausbildung zugute, die sie in einer der berüchtigtsten Gilden hatte genießen dürfen. Geschickt schwang sie die hölzerne Klinge und suchte bei ihrem Gegenüber eine Lücke, um an der Klaue vorbei zum Körper zu gelangen.
Geduld … nur Geduld …
Behände sprang sie nach vorne und versuchte, die Spitze des Holzschwertes in die Stelle zu bohren, an welcher der Hals endete und der Brustkorb anfing. Doch der Arm des Zombies schlug ihr fast die Waffe aus der Hand und sie rutschte ab. Mit einem Ausfallschritt brachte sie sich außer Reichweite, drehte sich einmal um die eigene Achse und nutzte den Schwung, um die Klinge nach unten sausen zu lassen. Sie spürte einen kurzen Widerstand, dann lag der abgetrennte Unterarm der Kreatur in ihrer Behausung. Noch bevor der verwundete Zombie den zweiten Arm durch die Öffnung stecken konnte, stach sie ihm das Schwert in einer der Augenöffnungen. Übelriechendes Sekret spritze ihr ins Gesicht, doch es hinderte sie nicht daran, das Holz einmal zu drehen und durch die vergrößerte Vertiefung noch einmal Druck auszuüben. Ihre Kraft reichte aus, um das bereits tote Gehirn zu erreichen. Ein Gurgeln drang aus dem Rachen der Kreatur, dann kippte sie aus ihrem Sichtfeld nach hinten.
Dann eben direkt der Weg ins Gehirn …
Sie wischte sich die stinkende Flüssigkeit von der Wange, drehte sich um und begutachtete ihren zweiten Feind, der immer noch erfolglos nach ihr griff.
Bei ihm muss ich aufpassen … wenn er mich noch einmal erwischt, werde ich womöglich nicht mehr so viel Glück haben.
Noch ehe sie sich versah, hatte der lebende Tote es irgendwie zustande gebracht, seinen zweiten Arm durch die Öffnung zu stecken und machte bereits Anstalten, seinen Kopf und den Oberkörper hinterher zu schieben. Sie trat einen Schritt zurück. Dieser Moment reichte der Kreatur, um seine Arme vollends zu befreien und wie wild in ihre Richtung zu fuchteln. Sie hob die lädierte Waffe und zielte. Die Klinge sollte geradewegs durch seinen Schädel gleiten, sie musste nur an den Pranken vorbeikommen. Mit Schwung stach sie zu und hörte, wie das Holz zerbrach. Einer der Arme hatte das Schwert erwischt, so dass ihr nur noch etwas weniger als die Klingenhälfte übrig blieb. Die leblosen Augen der Kreatur fixierten sie.
Jetzt habe ich keine andere Wahl, ich muss mir eine weichere Schwachstelle suchen für den Rest meiner Waffe suchen. Die anderen Gegenstände nutzen mir leider nichts.
Sie griff zu einer der Fackeln und hielt sie außerhalb seiner Reichweite vor die entstellte Waffe. Und tatsächlich versuchte er, an das flackernde Etwas zu gelangen. Den eigenen Arm so weit es ging von sich gestreckt, hob sie ihren Waffenarm außerhalb seines Blickes an. Blitzschnell stieß sie zu, den hölzernen Stumpf direkt in die Muskeln der bereits zerfetzen Wange. Sie hätte nicht damit gerechnet, dass ihr so viel Kraft geblieben war, denn der Schwung ihres Armes riss den Kopf des Zombies so schnell zur entgegen gesetzten Seite, dass sie das Knacken von Knochen vernahm. Die gebrochenen Halswirbel töteten ihn zwar nicht, verschafften ihr aber den entscheidenden Vorteil. Sie glitt an ihm vorbei und trat mit voller Wucht in sein Genick. Die Sehnen rissen, Wirbel zerbarsten. Seine verwesten Arme fielen in mitten der Bewegung schlaff zu Boden, genau so haltlos wie der Kopf, welcher nun vor ihr hing. Das böse Knurren erschreckte sie nun keineswegs, denn ihr Feind konnte sich nicht mehr bewegen. Sie zog das Überbleibsel ihrer Waffe aus seinem Gesicht. Eine Mischung aus gelbem Schleim und Blut tropfte vom Holz zu Boden. Sichtlich erleichtert trat sie vor den Zombie und kniete sich nieder. Sie schob eine Hand unter sein Kinn und hob den Kopf so weit es ihr möglich war an. Seine Fratze befand fast auf gleicher Höhe mit ihrem Gesicht. Die toten Augen schienen sich in ihre Seele zu bohren, fauliger Atem erreichte ihre empfindliche Nase. Sie hielt die Luft an und rammte den Schwertrest von unten in die nun freiliegende Schwachstelle oberhalb des Brustbeins. Sekunden später zersetzte sich die noch übrig gebliebene Haut, die Knochen wurden porös und der Körper fiel in sich zusammen. Wenige Augenblicke danach war nichts mehr zu sehen außer einem kleinen Aschehaufen.
Das dürfte wohl auch mit dem anderen geschehen sein.
Sie ließ sich ins Gras fallen und lauschte. Erst jetzt war sie in der Lage, den Schlag ihres Herzens wahrzunehmen. Es schlug ihr bis zum Hals, das Blut raste durch ihren Körper wie ein wilder Sturzbach nach einem Unwetter. Der Stress entlud sich in einer Wallung aus Hitze, die sie von innen nach außen zu verbrennen schien. Den hölzernen Griff des Schwertes noch immer umklammert kroch sie in die Behausungsmitte und kauerte sich zusammen. Ein letztes Mal lauschte sie. Nichts, weder vertraute noch befremdliche Geräusche waren zu hören; nur das Rauschen von Wasser. Aber sie fand nicht mehr die Kraft, sich gedanklich damit zu beschäftigen. Ihr Körper forderte jetzt den Tribut ein, den er eigentlich schon vor Stunden verdient hätte.
… aber vielleicht bin ich morgen schon tot.
Dieser Gedanke war ihr letzter Begleiter in einen Schlaf voller Alpdrücken.
Kapitel [anchor=3:19sngt46]3[/anchor:19sngt46] - "Flucht"
Die junge Frau blinzelte. Einzelne Sonnenstrahlen tauchten den Waldboden in freundliches Tageslicht. Der angenehme Duft des frischen Mooses unter ihrer Wange stieg ihr in die Nase, der aber auch irgendwie etwas Ekelerregendes an sich hatte. Und sie nahm ein störendes Summen wahr, das sich irgendwo hinter ihr befand. Sich die Augen reibend richtete sie sich auf. Trotz der bereits am Himmel stehenden Sonne fröstelte es die junge Frau. Langsam drehte sie sich im Sitzen um und erstarrte. Nicht weit von ihr machten sich hunderte Fliegen über etwas am Boden liegendes her, das einen immensen Gestank an die eigentlich frisch duftende Waldluft abgab. Sie hielt sich eine Hand über Mund und Nase, rückte ein Stück näher an die rosa gefärbten Klumpen heran, die nun bedeckt waren mit kleinen, schimmernden Fliegenkörpern. Bei näherem Hinsehen weiteten sich ihre Augen und ihr Magen wölbte sich ruckartig. Schnell wandte sich die junge Frau ab, doch es war zu spät. Ihr Magen gehorchte ihr nicht mehr, würgend übergab sie sich dermaßen heftig, dass sich kalter Schweiß auf ihrer Stirn bildete. Es dauerte eine Zeit lang, bis sie die Kraft fand, auf allen Vieren zu einem nahe gelegenen Baum zu kriechen, um sich daran hochzuziehen. Den Blick gesenkt sah sie, dass auch ihre Kleidung, die aus einem wärmenden Leinenhemd, einer Lederhose und passenden Stiefeln bestand, über und über mit getrocknetem Blut benetzt war. Schmerzen hatte sie keine, doch vorsorglich suchte sie jede Stelle ihres zerbrechlichen Körpers nach Verletzungen ab.
Nichts zu entdecken … also muss es sich um fremdes Blut handeln.
Alleine schon der Gedanke daran ließ ihre Knie zittern und es gelang ihr nur mit größter Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Sie schaute nochmals auf die nicht weit entfernt liegenden, blutigen Eingeweide und sofort stieg wieder Übelkeit in ihr auf. Schnell wandte sie den Blick ab und versuchte sich zu konzentrieren.
Was ist passiert? … Ich kann, … ich kann mich nicht erinnern …
Die junge Frau schloss die Augen. Doch so sehr sie sich auch bemühte, bekam sie keinen klaren Gedanken zu fassen. Sie rutschte am Stamm nach unten und schaute sich um, wobei sie es tunlichst vermied, auf die entsetzlich stinkenden Innereien zu starren. Sie befand sich auf einer Lichtung, welche umgeben war von sehr niedrig gewachsenen Bäumen, deren Kronen so gut wie keine Sonnenstrahlen auf den Waldboden durchließen. Die Stelle, an der sie erwachte, war eine der wenigen, hellen, Ausnahmen. Das Blätterwerk war ansonsten sehr dicht und sorgte für Schatten, denen die junge Frau nicht traute. Zu allen Seiten hin befand sich auf den ersten Blick undurchdringliches Unterholz. In der Hoffnung, vielleicht doch nicht alleine zu sein, rief sie.
"Hallo? … … … Kann mich jemand hören?"
Ihr Rufen wurde von der bewaldeten Dunkelheit regelrecht aufgesogen wie das nach einer Dürre fallende Wasser vom Boden. Und es antwortete niemand, auch nicht, nachdem ein paar Augenblicke verstrichen waren. Auf einmal geschah etwas Seltsames. Als die Worte in die finsteren Ecken des Waldes vorgedrungen waren, schien es, als würde eine Gefahr, welche von diesem Hain ausging, näher heran rücken. Die Blätter in den Kronen wirkten mit einem Mal bedrohlich beengend. Sie lauschte. Nichts, noch nicht einmal die für einen Wald typischen Geräusche waren zu vernehmen.
Als würde die Zeit stillstehen …
Und plötzlich war es da, dieses Gefühl, nicht mehr alleine zu sein. Es war, als würden unsichtbare Arme nach dem Herzen der jungen Frau greifen, um es langsam und mit der Geduld der Unsterblichkeit zerquetschen zu wollen. Nervös schaute sie sich um, konnte aber nichts entdecken, was in irgendeiner Weise ungewöhnlich erschien.
Ich habe mich wohl geirrt …
Ihr Blick suchte mutig die Überreste, an denen irgendetwas anders war. Und dann wusste sie, was ihren letzten Gedanken Lügen strafte.
Wo sind die Unmengen an Fliegen hin, die sich eben noch an den Eingeweiden gelabt haben? … Haben sie etwa dasselbe gespürt wie ich und sind geflohen? Wenn dem so ist, wovor haben sie sich in Sicherheit gebracht?
Plötzlich und ohne erkennbare Anzeichen fand ein Laut, der weder von Mensch noch Tier zu stammen schien, seinen Weg auf die Lichtung. Die junge Frau erschrak zutiefst und sprang auf. Direkt vor ihr schien sich etwas regelrecht durch den Wald zu wühlen. Ohne weiter darüber nachzudenken, machte sie auf der Stelle kehrt und rannte so schnell sie konnte in das entgegen gelegene Unterholz. Die kleinen, meist spitzen Äste peitschten in ihr Gesicht, doch das war ihr egal. Sie spürte nur noch die nackte Angst im Nacken, Todesangst, die ihr Flügel zu verliehen schien. Weit hinter sich hörte sie kurzes, gieriges Schmatzen, dann ein intensives Schnüffeln, gefolgt von dem Brechen des Geästs. Die junge Frau spürte, dass ihr ganz langsam die Hoffnung entglitt, diesen Wald lebend hinter sich lassen zu können. Mittlerweile rannte sie unter dicht aneinander gereihten Nadelbäumen hindurch, die ihr das Vorankommen nicht leichter machten. Ihrem Verfolger hingegen schienen die Verästelungen weniger auszumachen, denn die Mischung aus Knurren und Schmatzen war nun deutlicher zu hören als zuvor.
Gib nicht auf! Du musst weiter, wenn Du nicht so enden willst wie das, was Du auf der Lichtung gesehen hast!
Im nächsten Moment schienen ihr etwas hellere Schemen entgegen. Sie mobilisierte noch einmal all die verbliebenen Kräfte.
Ich will leben!
Als sich die Bäume lichteten, gelangte die junge Frau in einen weiteren Teil des Waldes, der weitaus besser überschaubar war. Farn wuchs kniehoch aus dem Waldboden und noch höhere Bäume mit noch größeren, aber nicht ganz so gedrungenen Wipfeln, standen nun nicht mehr dicht an dicht.
Nun kann es nicht mehr weit sein bis zum Waldrand. Sie versuchte, sich umzusehen, um endlich Gewissheit über das Aussehen des lebensbedrohlichen Etwas zu erlangen, das sie hetzte wie der Jäger ein wundwaides Tier.
“Bei Angharradh! Lauf weiter, sonst ist Dein Schicksal besiegelt!“
Vor Schreck wäre sie fast gestolpert und der Länge nach in die mittlerweile den Boden bedeckenden kleinen Dornenranken gefallen, als die Stimme durch die Luft schwang. Dem Hall nach zu urteilen kam sie irgendwo von oberhalb. Die junge Frau hob den Blick und entdeckte gerade noch rechtzeitig einen dunklen Schemen, der sich im nächsten Augenblick in Luft aufzulösen schien. Ihr fehlte die Kraft zu einer Antwort und sie konzentrierte sich auf die Flucht, tat, wie ihr geheißen. Hinter ihr beugten sich die Pflanzen am Boden den mächtigen Schritten des knurrenden Wesens. Ohne Vorwarnung zischte etwas Glänzendes an ihrem Ohr vorbei. Noch ehe die junge Frau richtig wahrnahm, was geschah, durchschnitten immer mehr Pfeile die Luft um sie herum, ohne sie auch nur einmal zu verletzen. Dem zornigen Brüllen im ihrem Rücken war zu entnehmen, dass das ihr noch immer unbekannte Geschöpf das Ziel der Spitzen war. Angestachelt und rasend vor Wut schien es nun aufzuholen, damit sein Opfer nicht entkam. Die junge Frau spürte, wie ihre Kräfte dahinschwanden, gleich so, als würde Met aus einer Flasche fließen, die mit Absicht umgestoßen worden war. Ihre Bewegungen wurden zäh, helle und dunkle Flecken tanzten vor ihren Augen. Mit einem Mal wurde sie von Schwärze eingehüllt und spürte ihre Beine nicht mehr. Das letzte, was sie hörte, war die Stimme einer Frau.
Warum? … Warum haben … sie … mir … nicht früher geholfen???